Zucht zur Ohnmacht

Wir werden zur Ohnmacht erzogen, nicht zur Eigenmacht!

Wohin zielt jede Art der Therapie? Den Patienten zur Ohnmacht zur führen, oder zur Eigenmacht? Ihn der Machtausübung anderer gefügig zu machen oder ihn vielmehr zu seiner eigenen inneren Macht hinzuführen? Diese Fragen sind rhetorischer Art und die Antworten leuchten jedem klar denkenden Wesen intuitiv ein. Auf dieser Ausgangsbasis möchte ich mich mit dem Phänomen äußerer Macht befassen, vor allem der Machtausübung innerhalb von Beziehungen. Dies zunächst unter einem allgemeinen Blickwinkel, später dann spezifisch hinsichtlich der Sexualität als einem wesentlichen Teilbereich menschlicher Beziehungen.

Ich möchte an dieser Stelle bereits eine Arbeitshypothese aufstellen, die ich im folgenden Teil der Untersuchung zu untermauern suchen werde. Ich behaupte, dass destruktive Machtausübung in Beziehungen stets drei prinzipielle Faktoren voraussetzt, die in einem oder beiden Beteiligten an der Beziehung präsent sind:
—Unfreiheit oder Mangel an Autonomie;
—Konfusion über die Grenzen des Körperbildes;
—Ein tief verwurzeltes Gefühl der Ohnmacht. Continue reading

Eigenmacht und Individuation

Ist Individuation möglich ohne Eigenmacht?

J. Krishnamurti bezeichnete bekanntlich in allen seinen Schriften die Macht als etwas außerordentlich Schädliches. Ist Macht wirklich schädlich? Ist die Macht eines Gewitters schädlich? Ist die Macht eines Tigers schädlich? Was ist schädlich in Beziehungen, die Eigenmacht einer Person oder der Mangel an Eigenmacht? Die Antwort liegt auf der Hand: es ist letzteres.

Es ist nicht Macht, die destruktiv wirkt, sondern Ohnmacht, die reprimierte Macht. Jeder Mensch, sofern bewusst seines natürlichen Potentials an Eigenmacht, ist konstruktiv und liebevoll. Das natürliche Bewusstsein der Eigenmacht ist notwendig und uns gegeben, um uns zu verteidigen, um uns abzugrenzen oder, ganz einfach, um mutig voran zu gehen im Leben.

Verlangen nach Macht entsteht erst, wenn die natürliche Aggressivität des Menschen unterdrückt wird. Nur durch diese Unterdrückung pervertiert die Eigenmacht zur Ohnmacht—und damit zum destruktiven Hunger nach Macht. Continue reading

Über Innere Wahrheit

Innere Wahrheit ist unmöglich ohne innere Freiheit.

Innere Freiheit, in ihrer höchsten Vollendung, ist die Verwirklichung des Selbst oder das Schwingen im eigenen Selbst. Innere Unfreiheit dagegen, in ihrer schädlichsten Form, ist die bedingungslose Unterwerfung unter ein spirituelles oder politisches System, das einen absoluten Herrschaftsanspruch über die Individuen fordert, die es dominiert.

Ein solches System kann sich darstellen als Staatsreligion oder Sekte oder es kann inkarniert sein in einen fanatischen Guru, dem man sich verschrieben hat, oder es mag auch im eigenen Unterbewusstsein sitzen. In jedem Falle lässt sich sagen, dass, da uns im Leben nichts durch Zufall zufällt, wir in unserem Innern nicht frei sind, wenn wir sehen, dass wir im äußeren Leben gehindert sind, das zu verwirklichen, was wir eigentlich wollen.

Innere Freiheit beginnt also damit, herauszufinden, was wir wirklich wollen, was in der Tiefe unseres Herzens wir als unsere Berufung empfinden, und uns dies bewusst zu machen. Selbstkenntnis ist die erste Tür zur inneren Freiheit, es ist die Tür, die aus dem Labyrinth der Fremdbestimmung führt. Denn ohne zu wissen, wer wir sind, lassen wir uns vom Sein oder Nichtsein anderer bestimmen und leiten. Continue reading

Integration und Ganzheit

Aufgabe der Therapie ist es, uns aus der Fusion ins Leben zu führen.

Die Psychoanalyse hat diese Wahrheit lediglich wiedergefunden. In allen Stammeskulturen ist der Sinn der sogenannten Initiationsriten namentlich gerade der: den Jugendlichen von der symbolischen Nabelschnur an die Matrix zu befreien und ihn zum Leben und seiner individuellen Bestimmung hinzuführen.

Allgemein gesprochen ist es notwendig zu betonen, dass Tribalkulturen das Problem überhaupt nicht bekannt ist. Wir haben es hier ganz und gar mit einem Komplex von Fehlverhalten zu tun, der das Resultat ist von falscher kultureller Konditionierung. Eine Kultur nämlich, die von der Natur hinweg ‘kultiviert’, nicht eine solche, die im Einklang mit der Natur kultiviert. Wir kamen überein, diese kulturelle Fehlentwicklung als ‘Zivilisation’ zu bezeichnen, und so leiden wir eben an den Krankheiten einer solchen. In dem Sinne ist ein großer Teil unserer inneren Probleme ein direkter Ausfluss dieses kulturellen Wahnsinns. Continue reading

Fusion oder Liebe?

Fusion und Liebe stehen in einem Ausschließlichkeitsverhältnis.

Liebe ist nicht etwa fusionsbegründend; im Gegenteil ist sie fusionslösend. In der Tat geht in jeder wahren Liebesbeziehung jeder der beiden Partner ein Stück voran in Selbsterkenntnis, in Autonomie, und weg von der Fusion.

Fusion ist Mangel an Selbstbestimmung mangels Selbstkenntnis. Einem Kind, das sich nicht in seinen Eltern spiegeln konnte, fehlt die Erkenntnis des eigenen Ich und damit des eigenen Ich-Bin. Ihm blieb, da es affektiv von der Liebe seiner Eltern abhängt, nichts andres übrig, als die Eltern, oder einen Elternteil, an die Stelle seines eigenen Ich zu setzen.

Fusion ist in erster Linie eine innerpsychische Angelegenheit. Sie perpetuiert sich über die ersten achtzehn Monate des Lebens hinaus, in der sie beim menschlichen Kleinkind stattfinden muss, wenn die Mutter ihrem Kind das graduelle Verlassen der Fusion nicht gestattet. Eine Mutter, welche die Fusion an die eigenen Eltern nicht gelöst hat, wird sie unbewusst auf ihre Kinder projizieren und wiederzubeleben versuchen.

Eine solche Mutter wertet jedes Zeichen von Autonomie bei ihrem Kinde als eine Form des Liebesentzuges und reagiert daher auf solche Signale, die eigentlich den Weg des Kindes zur Welt hin öffnen sollen, mit Angst und Aggressivität, was zur Folge hat, dass sie das Kind nur noch stärker an sich zu binden sucht, es also, um beim Bild zu bleiben, von der Welt weg, wieder in die Matrix zurückzieht.

Eine solche Mutter ist schwerlich in der Lage, ein Spiegel für ihr Kind zu sein. Da das Kind die ersten achtzehn Monate in psychischer Fusion mit der Mutter durchlebt und diese als ein Teilobjekt seiner selbst ansieht, ist während dieser Phase bereits, umso mehr aber nachdem das Kind den achtzehnten Lebensmonat vollendet hat, unbedingt erforderlich, dass die Mutter dem Kinde zu verstehen gibt, dass es in bestimmten Bereichen seines Lebens autonom sein darf. Dies sind ganz tägliche Verhaltensweisen.

Zum Beispiel möchte das Kleinkind auf die Fensterbank steigen oder ein anderes Zimmer aufsuchen. Verhindert die Mutter solches Verhalten konstant, oder läuft sie dem Kind ununterbrochen nach, aus Angst, es könne dem Kinde ‘etwas passieren’ kann das Kind dies nur so werten, dass ihm keine Autonomie für ‘Eigenbewegung’ zugestanden wird von der Mutter. Dies ruft beim Kind Angst hervor, und Unsicherheit, bisweilen auch Wut. Obzwar das Kind natürlich voll von der Ernährung seitens der Mutter abhängt und ihrer Pflege bedarf, so hat die Kommunikation zwischen Mutter und Kind innerhalb des häuslichen Raumes doch eine beachtliche formende Wirkung auf Autonomiegefühl (Freiheitsgefühl) des Kindes.

Andererseits sind die Signale des Kindes, mit denen es sein Ich geltend macht, für jede natürliche Mutter unübersehbar und unüberhörbar. Es sind die Schreie, mit denen es Hunger, Durst oder sein Bedürfnis nach Wärme und Zärtlichkeit anzeigt; es sind die Bewegungen weg von der Mutter, die Exploration der näheren Umgebung, Herumkrabbeln sowie Kontakte mit anderen Personen.

Das Baby registriert sehr genau die Reaktionen der Mutter als Feedback auf diese ersten Versuche, Autonomie zu entwickeln und dies ist im Gedächtnis für immer gespeichert, obwohl wir uns in der Regel dieser Erinnerungen nicht bewusst sind. Die Mutter gibt nämlich durch diese Reaktionen auf die ersten Bemühungen des Kindes, seine Eigenheit zu manifestieren, ihrerseits Signale an das Kind, wie zum Beispiel. Dies sind unterbewusste Botschaften, die das vom Unterbewusstsein des Kindes registriert werden und damit eine ganz klar konditionierende Wirkung auf das Verhalten des Kindes haben:
—Ich finde es gut, dass du Eigenheit entwickelst und es zeigst;
—Ich missbillige, dass du anders bist, als ich es wäre an deiner Stelle;
—Ich möchte dass du so bist, wie ich will, dass du seist!

Es ist offensichtlich, dass in den beiden letzten Alternativen von Verhalten die meist nichtverbalen Botschaften oder Signale der Mutter das kleine Kind in seiner Entwicklung zur Autonomie beeinträchtigen. Weitestgehend könnte man behaupten, dass das prolongierte Fortbestehen der Fusion das Resultat von Egozentrismus oder Narzissmus seitens der Mutter oder der Erziehungspersonen ist, und dass es daher ein Ausfluss der Macht ist und nicht der Liebe. Ich verstehe den Begriff der Macht hier im Sinne des Besitzenwollens, der Possessivität, die sich an die Affekte angebunden hat und die man deshalb mit Liebe verwechselt.

Fusionelle Mutterliebe bezeichnet der Volksmund mit Affenliebe und spricht ihr damit mehr oder weniger die humane Qualität ab. Einer fusionellen Beziehung ist eigen, dass der eine Fusionspartner den anderen affektiv manipulieren will. Liebe hingegen gesteht dem anderen volle Freiheit zu, affektiv und in jeder Hinsicht und ist überhaupt nur denkbar auf dem Boden persönlicher Autonomie.

Neurosen und Psychosen sind Probleme ungelöster Fusion. Die neurotischen Symptome sind Signale der Geist–Körper Einheit, die den durch die Fusion erzeugten inneren Konfliktzustand anzeigen. Bei der Psychose ist das bewusste Ich in einem höheren Grad als bei der Neurose überschwemmt von Energien, die das Ich nicht zu verarbeiten imstande ist. Psychose ist als Pathologie eine Erscheinung, die auf mangelhafter Ich–Bildung beruht, und es ist ein Zustand mehr oder weniger großer Unfähigkeit, die eigene Energie von den Energien der Mitmenschen abzugrenzen, die eigene Energie überhaupt erst einmal zu fühlen, zu identifizieren.

In weniger pathologischem Grade als sich dies bei der Psychose manifestiert, haben viele Menschen in unserer Kultur das Problem, die eigene Energie zu identifizieren, und sie unterscheiden zu lernen von den Energien anderer Menschen. Liebe fängt bei sich selbst an. Wenn wir anfangen, uns selbst zu respektieren, lernen wir zunächst, uns auf unsere Energie zu konzentrieren und sie zu unterscheiden von der Energie anderer Menschen.

Wenn ich hier von Energie spreche, so meine ich tatsächlich das, was jede Person ausstrahlt, die Emanation oder Aura, welche die psychische Energie jedes Lebewesens in seine Umgebung sendet. Es ist lediglich eine Frage der Übung, der aufmerksamen Beobachtung, sensitiv, also empfänglich und bewusst zu werden für diese Energie.

Übrigens ist sie uns von unseren Träumen her bekannt, wo wir nämlich alle die Wesen, denen wir begegnen, an ihrer Energie erkennen, und erfühlen. Häufig erinnern wir uns nicht mehr an die Details eines Traums. Doch ist uns vage ein Gefühl verblieben und dieses Gefühl, sobald wir uns darauf konzentrieren, ruft uns die Person in Erinnerung, von der wir geträumt haben. Dieses Gefühl nun ist die Wahrnehmung der Energie der anderen Person. Im Traumzustand sind wir im Besitze von Fähigkeiten, die wir im Wachzustand, infolge der negativen Konditionierung einer von allem Sensitiven weitgehend abgekoppelten Kultur, mehr oder weniger verloren haben.

Durch die Anwendung der Prinzipien der Liebe in unserem Leben, durch aufmerksame Beobachtung unserer Gefühle und Gedanken, unserer Energie, und der Interaktion unserer Energie mit der Energie anderer Menschen, gelangen wir nach und nach zu einem Zustande größerer Autonomie, zu einer Lösung der Fusion und zu mehr Identität.

Dies ist umso wichtiger, wenn uns als Kinder und als Jugendliche Autonomie weitgehend versagt bliebt und wir, wie es dann leider oft der Fall ist, emotional manipuliert wurden von einem Elternteil oder beiden Eltern. Wenn wir durch eine solche entfremdende Erziehung gingen und glauben, therapeutische Hilfe sei nicht notwendig oder nicht gewünscht, dann können wir anstreben, uns selbst zu heilen, indem wir zunächst unseren Eltern und Erziehern verzeihen und dann ganz bewusst an dem inneren Problem arbeiten.

Diese passive Beobachtung oder Introspektion muss den Gesamtprozess unseres inneren und äußeren Lebens umfassen, nicht nur unseres eigenen inkarnierten Lebens, sondern des Lebens schlechthin. Wahre Spiritualität besteht in nichts anderem, als dieser aufmerksamen Beobachtung. Sie stellt die höchste Form von Bewusstsein dar. Diese Beobachtung umfasst wohlgemerkt nicht nur unser Wachbewusstsein, sondern ebenfalls die Gedankenprozesse, die sich in unserem ständig aktiven Unterbewussten abspielen.

Man kann diese inneren Kommunikationsprozesse beobachten mittels unserer Träume und durch die Projektion des unterbewussten Bewusstseinsinhaltes, indem wir uns der Techniken der Divination bedienen. Dazu gehört ebenfalls die Wahrnehmung all der Signale, die uns die höheren Kräfte des universalen Bewusstseins ständig zusenden, in Form von symbolhaften kleinen Koinzidenzen des Alltagslebens und was Carl Gustav Jung mit dem Begriff der Synchronizität belegt hat.

Eine solche Intensität des Bewusstseins erfordert einen hohen Einsatz von Energie. Es ist diese »Verwendung« der Lebensenergie, des élan vital, die dazu führt, dass symbiotische Beziehungen gelöst, die Fusion mit der Familie, dem Nest, der Matrix, der Genealogie nach und nach ein Ende findet.

Liebe ist diese höchste Verwendung unserer Energie. Sie führt uns weg vom genealogischen Baum zum Baum des Lebens.

Die Affektive Konfusion

Affektive Konfusion ist die heute oft anzutreffende Verwechslung von Fusion und Liebe.

Konfusion hat, wie das Wort selbst sagt, mit Fusion zu tun. Der Begriff der Fusion bedeutet verschmelzen, vermischen oder, salopp formuliert, in einen Topf werfen. Überall in unseren fusionellen westlichen Kulturen, sei es nun zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Partnern, können wir Reaktionen beobachten, die davon zeugen, dass Fusion mit Liebe gleichgesetzt wird.

Jeder Versuch, Autonomie zu erlangen und die Fusion oder Symbiose zu verlassen, wird als Liebesentzug gewertet und sanktioniert mit Wut, Eifersucht oder gar Hysterie. Oder es kommt bei demjenigen Partner, der sich in seinem Bedürfnis nach Fusion alleingelassen sieht, weil der andere sein natürliches Recht auf Autonomie geltend macht, ein Gefühl tiefer Verlassenheit auf, das die Verlassenheitsängste der frühen Kindheit reaktiviert und ins Bewusstsein fördert.

Dieser Prozess, wird er bewusst erlebt und als Trauerarbeit verstanden, ist äußerst positiv für die Evolution der betreffenden Person, sowohl was ihre Liebesfähigkeit angeht, als auch im Hinblick auf die Entwicklung der individuellen Kreativität. Wird eine solche Bewusstwerdung jedoch verdrängt—weil sie vielleicht zu große Ängste heraufkommen lässt und therapeutische Hilfe fehlt—so führt das dazu, dass die Person sich wieder nach einem neuen Fusionspartner umschaut, das heißt wieder eine Beziehung anfangen wird, die nicht dauerhaft sein kann, weil sie auf einer Illusion beruht. Continue reading

Fusion und Individuation

Das Leben anzunehmen bedeutet, sich selbst annehmen.

Es bedeutet nicht, eine bestimmte Art zu sein zu übernehmen, die kollektiv befürwortet wird oder herrschend ist. Denn je mehr man sich mit kollektiven Persönlichkeitsmerkmalen identifiziert, umso mehr entfremdet man sich von seiner Eigenheit.

Das Leben anzunehmen bedeutet also vor allem, die eigene Verschiedenheit zu bejahen. Denn es ist gerade unsere Verschiedenheit, die uns singularisiert, individualisiert und aus dem Meltpot des Kollektiven heraushebt. Es ist unsere Eigenheit, die uns aus der Fusion mit dem Massengeist befreit. Dies, obwohl doch die meisten Menschen in solcher Art von Fusion leben und Sicherheit und Geborgenheit bei anderen suchen.

Dabei sind alle fusionellen Beziehungen, alles Gruppendenken, das Individualität leugnet, lediglich Verlängerungen der primären Fusion, der mit dem Mutterbauch, der Matrix, dem Nest, dem Stammbaum. Freiheit von Angst, von aller Angst, ist nur möglich, wenn diese Pseudofusion, wie ich sie nenne, ein Ende hat und der Mensch seine wahre originäre Einheit wiedererlangt hat. Dazu ist Einsamkeit oft der beste Weg. Continue reading