Eigenmacht und Individuation

Ist Individuation möglich ohne Eigenmacht?

J. Krishnamurti bezeichnete bekanntlich in allen seinen Schriften die Macht als etwas außerordentlich Schädliches. Ist Macht wirklich schädlich? Ist die Macht eines Gewitters schädlich? Ist die Macht eines Tigers schädlich? Was ist schädlich in Beziehungen, die Eigenmacht einer Person oder der Mangel an Eigenmacht? Die Antwort liegt auf der Hand: es ist letzteres.

Es ist nicht Macht, die destruktiv wirkt, sondern Ohnmacht, die reprimierte Macht. Jeder Mensch, sofern bewusst seines natürlichen Potentials an Eigenmacht, ist konstruktiv und liebevoll. Das natürliche Bewusstsein der Eigenmacht ist notwendig und uns gegeben, um uns zu verteidigen, um uns abzugrenzen oder, ganz einfach, um mutig voran zu gehen im Leben.

Verlangen nach Macht entsteht erst, wenn die natürliche Aggressivität des Menschen unterdrückt wird. Nur durch diese Unterdrückung pervertiert die Eigenmacht zur Ohnmacht—und damit zum destruktiven Hunger nach Macht.

Aus dem natürlichen Strömen mit dem Leben, mit der Energie, wird ein kaltes erstarrtes Kontrollieren des Lebens und auch des Verlangens. Dieses Kontrollieren ist die Folge der unterbewussten Angst vor der eigenen Destruktivität.

Man kann die Perversion der Eigenmacht zur Ohnmacht, zur sadisierten Kontrolle, mit der retrograden Drehung eines Planeten vergleichen. Die Retrogradation eines Planeten in der Astrologie bedeutet, dass die Energie des Planeten uns während der Phase der Retrogradierung nicht direkt zur Verfügung steht, sondern sich gewissermaßen nach innen richtet: eine Interiorisierung findet statt. Die Energie erscheint nach außen hin blockiert. Man hat keinen Erfolg, fühlt sich gesellschaftlich isoliert, findet nicht den richtigen Draht, und es mangelt an bedeutenden Koinzidenzen. Mit einem Wort, man hat kein Glück.

Dieses Bild aus der Astrologie findet allgemein auf die Bioenergie Anwendung. Für eine positive und gesunde Entwicklung des Kindes ist es notwendig, dass seine Bioenergie in ständigem psychosomatischem Fluss begriffen bleibt, dass sie nicht stagniert, wie zum Beispiel dann, wenn sie von Angst oder Schuldgefühlen blockiert ist. Was dann nämlich eintritt, ist eine Inversion, zunächst sozial, und auf einer zweiten Stufe auch sexuell: aus einem soziablen Kind wird dann ein Einzelgänger, aus einem fröhlichen und gewandten Kind wird ein griesgrämiges, ängstliches und tollpatschiges Kind; aus einem natürlicherweise dem anderen Geschlecht sexuell zuneigenden Jugendlichen wird dann ein solcher, der homoerotische Kontakte und Befriedigung sucht.

Das ist oft das Resultat von harten Strafen oder religiösen Verboten, die Schuldgefühle erzeugen und die ganzheitliche Entwicklung des Kindes zeitweise oder gar permanent blockieren. Das Kind fängt an nachzudenken, statt spontan und fröhlich zu handeln, und Spontaneität und Kreativität werden herabsetzt. Das Kind zieht sich in sich selbst zurück.

Eine solche Retrogradierung der Bioenergie ist nicht nur die Folge von brüsken Eingriffen wie Strafen oder Missbrauch, sondern häufig das Resultat einer Erziehung zu Prüderie und allgemein einem starken Fokus der Familie auf Benimm und Moral. Noch im Mittelalter war es so, dass ein pubertäres Kind auch gleichzeitig ein Kind war, das sozial als Erwachsener angesehen wurde. Man heiratete mit zwölf oder dreizehn Jahren und mit vierzehn schloss man seine Lehre ab und wurde Meister in seinem Handwerk. Da kongruierte also Pubertät mit Initiation ins Erwachsenendasein und das scheint eine recht weise und logische soziale Haltung.

Und wie sieht es heute aus? In unserer Kultur muss das Kind, jedenfalls das Stadtkind, da ihm ein Zugang zum Bereich des weiten allgemeinen Lebens weitgehend versagt bleibt, durch die sozial auferlegte Beschränkung auf die Kleinfamilie, seine soziale Entwicklung ein recht neurotischer Weise bewältigen. Es muss Freude und Lust finden im Zusammensein mit den beiden Elternteilen und eventuellen Geschwistern. Es liegt auf der Hand, dass das Kind, das Geschwister hat, hier besser fährt, als das Einzelkind. Da aber nun das Einzelkind heute viel häufiger vorkommt, als in der Vergangenheit, ist dies doch eine wichtige Konstellation, die wir mit einem kulturellen und einem analytischen Auge anschauen und bewerten sollten.

Sigmund Freud lehrte, dass die Individuation des Kindes durch sogenannte Identifikationen verläuft. Er ging davon aus, dass natürlicherweise der Junge so wie sein Vater werden wolle, und das Mädchen wie seine Mutter. Die Wahrheit ist natürlich, dass wir in letzter Instanz uns selbst werden wollen und nicht Zinnsoldaten–Klone unserer Eltern.

Die erste Identifikation ist die mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, welche Freud ‘homosexuelle Identifikation’ nannte. Danach kommt die heterosexuelle Identifikation mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil; hier sprach Freud von der ödipalen Phase oder dem ödipalen Komplex.

Das Problem ist nun, wenn das Kind nun gewissermaßen, aus welchen Gründen auch immer, auf der homosexuellen Stufe hängen bleibt—also im Jargon der Psychoanalyse ‘neurotisch’ reagiert—, so wird die dadurch wieder auflebende Fusion mit der Matrix, die ich als sekundäre Fusion bezeichne, in die Adoleszenz hinübergetragen, wo sie neu aufflammt und, durch die erhöhte Sexualenergie aufgeladen, sich erstmals destruktiv auswirken kann. Dies vor allem deswegen, weil die retrogradierte Sexualenergie in hohem Masse negativ gepolt ist und daher negative emotionale Energien anzieht. Dies erklärt das Phänomen, dass Gewalt, Zorn, Ärger, Wut, also eher sogenannte negative Emotionen, mit dem sexuellen Trieb verkoppelt werden. Aus einem schüchternen Jungen wird dann ein aggressiver Jugendlicher.

Das Problem ist komplex dadurch, dass das Kind seine Wut nicht bewusst leben und ausdrücken kann. Da dieses Gefühl Jugendlichen lebensbedrohlich erscheinen muss, weil sie ihren Erzeugern schließlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, wird die Wut verdrängt in die tiefste Schicht des Unterbewusstseins, wo sie Unheil anrichtet und, dem Minotaurus gleich, ein Schattendasein führt, bis sie eines Tages, wie der verwunschene Froschkönig, durch einen unglücklichen oder glücklichen Vorfall in der Form von Liebe befreit wird. Diese minotaurischen Energien werden sodann in strahlendes Licht getaucht zu neuer konstruktiver Vitalenergie verwandelt.

Ich vertrete die Hypothese, dass Liebe und Ohnmacht sich gegenseitig ausschließen. Wo Liebe ist, muss die Ohnmacht weichen. Und wo Ohnmacht ist, da kann die Macht der Liebe nicht sein. Liebe hat ihre eigene Macht. Man spricht nicht umsonst von der Macht der Liebe. Aber diese Macht ist der Liebe eigen und sie hat mit Macht im herkömmlichen Sinne nichts zu tun.

Die Macht der Liebe ist die Macht des Lebens selbst, denn Leben ist Liebe. Die Macht der Liebe ist vielleicht vergleichbar mit der Macht der Kunst oder der Macht der Weisheit. Doch hier handelt es sich ebenfalls, wie bei der Macht der Liebe, nicht um die Macht, von der gemeinhin die Rede ist, und von der auch hier die Rede ist. Die Macht der Liebe, der Kunst oder der Weisheit sind nicht dirigierend, nicht dominierend, nicht ausbeutend; sie sind unschuldig im wahren Sinne dieses Wortes, weil ohne Schuld.

Diese Macht ist Eigenmacht und sie ist die wichtigste psychische Voraussetzung für die Individuation eines jungen Menschen.

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