Integration und Ganzheit

Aufgabe der Therapie ist es, uns aus der Fusion ins Leben zu führen.

Die Psychoanalyse hat diese Wahrheit lediglich wiedergefunden. In allen Stammeskulturen ist der Sinn der sogenannten Initiationsriten namentlich gerade der: den Jugendlichen von der symbolischen Nabelschnur an die Matrix zu befreien und ihn zum Leben und seiner individuellen Bestimmung hinzuführen.

Allgemein gesprochen ist es notwendig zu betonen, dass Tribalkulturen das Problem überhaupt nicht bekannt ist. Wir haben es hier ganz und gar mit einem Komplex von Fehlverhalten zu tun, der das Resultat ist von falscher kultureller Konditionierung. Eine Kultur nämlich, die von der Natur hinweg ‘kultiviert’, nicht eine solche, die im Einklang mit der Natur kultiviert. Wir kamen überein, diese kulturelle Fehlentwicklung als ‘Zivilisation’ zu bezeichnen, und so leiden wir eben an den Krankheiten einer solchen. In dem Sinne ist ein großer Teil unserer inneren Probleme ein direkter Ausfluss dieses kulturellen Wahnsinns.

Meine Analyse des Problems verzichtet jedoch auf jegliche sozialpolitische oder kulturhistorische Kritik. Es geht mir bei meiner Betrachtung dieser komplexen Probleme lediglich darum, einige Hilfestellung anzubieten zur Selbsttherapie durch die Verfeinerung des Bewusstseins und die alte Methode der Introspektion (im Osten Meditation genannt). Es liegt auf der Hand, dass durch luzide psychologische Beratung als Bestandteil des Erziehungssystems gute Fortschritte in die richtige Richtung gemacht werden könnten, und solche Bestrebungen sind denn auch bereits im Gange in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und vielleicht in geringerem Ausmaß in den Vereinigten Staaten.

Fusion bedeutet Entfremdung von sich selbst, innere Ankoppelung an ein Zweites, welches das Eine beeinträchtigt und spaltet. Eine rein psychoanalytische Betrachtungsweise lässt die spirituelle Dimension außer Acht. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds definiert die psychosexuelle Entwicklung des Kindes als einen Weg aus der Fusion mit der Matrix, von der ersten homosexuellen Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, über die heterosexuelle Identifikation mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil während der sogenannten ödipalen Phase, über die Latenzphase, in die Adoleszenz, welche die vorigen Phasen wiederholt und fusionelle Reste aufzulösen bestrebt ist. Ob diese Theorie wahrhaft gültig ist, oder ob sie nicht letztendlich nur für unsere eigene Kultur Sinn macht, möchte ich hier dahingestellt sein lassen. Ich habe dies an anderer Stelle ausführlich diskutiert. Es kommt darauf im Kontext dieses Essays auch nicht an, denn Gegenstand unserer Betrachtungsweise ist nicht die psychoanalytische Heilung, sondern die Heilung des Geistes.

Identität kann nur durch Integration erreicht werden. Integration aber ist die Frucht eines totalen Umfassens. Sie hat zur Folge eine Ausweitung des Bewusstseins. Die Angst, das Herkömmliche aufgeben zu müssen, die gewohnten Denkstrukturen in Frage zu stellen oder gar hinter sich zu lassen, führt jedoch oft zu Defensivreaktionen, welche die Integration verhindern. In Bezug auf die Integration der Matrix, des Mutterhaften, in die Psyche des Mannes, die Jung Integration der Anima nannte, stellt Männlichkeitswahn eine solche Defensivreaktion dar, die auf der Angst vor der Matrix beruht. Diese Angst war historisch zum Beispiel sichtbar im Hexenwahn des ausgehenden Mittelalters, und sie findet sich mythologisch in den negativen Frauengestalten Lilith oder Kali. Diese Angst ist Lebensangst. Solche Angst ist eine Form von retrograder Lebensenergie.

Jede Therapie hat zum Ziel, diesen retrograden élan vital, diese deformierte Yin–Kraft, wieder in positive Lebenskraft zu transformieren und die damit verbundenen negativ gepolten Emotionen wieder in lebensfreundliche, liebevolle Emotionen zurück zu transformieren. Jede Art der Therapie ist eine Art innerer Alchimie.

Der Techniken gibt es viele, doch ist der Sinn von Therapie, von Heilung, immer, den Menschen seiner Einheit zuzuführen, seiner Originalität und Einzigartigkeit und seiner Kraft gewahr werden zu lassen. In diesem Sinne bieten auch die Religionen Therapien an. Das Evangelium in seiner reinen, auf den Glauben gestützten Interpretation (»Dein Glaube hat dich geheilt»), ist eine der machtvollsten Heilmethoden überhaupt und Jesus war der vielleicht größte und genialste Heiler aller Zeiten. Es besteht kein Widerspruch zwischen der psychoanalytischen Theorie und den spirituellen Wahrheiten, soweit letztere die emotionale Zweitnatur des inkarnierten Geistes nicht leugnen.

Alle Religionen stellen namentlich Projektionssysteme innerer Vorgänge zur Verfügung, die den Menschen zur symbolischen Darstellung von Glaubenswahrheiten dienen und ihn bei der inneren Alchimie seiner Transformation unterstützen. Alle Religionen sind somit integrative Systeme, ausgerichtet auf die Herbeiführung der Einheit. Doch auch sogenannte okkulte Praktiken, wie Astrologie oder das Tarot, zielen darauf ab, die unterbewussten Inhalte zu integrieren und den Menschen einem höheren integrativen oder holistischen Bewusstsein zuzuführen.

Diese Integration des Okkulten in unserer Psyche in Form der Bewusstwerdung karmischer oder konditionierender Faktoren in unserem Lebensweg führt zu einem über das reine Geistwissen hinausgehendem Gesamtbewusstsein der Geist–Körper–Einheit. Dies könnte man auch als Fusion mit dem eigenen Selbst bezeichnen. Es ist dies die wahrhafte Individuation als Frucht einer Einheit, die sowohl die Zeitlosigkeit des Geistes in seiner Absolutheit, als auch die Relativität der Inkarnation als gut und vollkommen anerkennt.

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