Über Innere Wahrheit

Innere Wahrheit ist unmöglich ohne innere Freiheit.

Innere Freiheit, in ihrer höchsten Vollendung, ist die Verwirklichung des Selbst oder das Schwingen im eigenen Selbst. Innere Unfreiheit dagegen, in ihrer schädlichsten Form, ist die bedingungslose Unterwerfung unter ein spirituelles oder politisches System, das einen absoluten Herrschaftsanspruch über die Individuen fordert, die es dominiert.

Ein solches System kann sich darstellen als Staatsreligion oder Sekte oder es kann inkarniert sein in einen fanatischen Guru, dem man sich verschrieben hat, oder es mag auch im eigenen Unterbewusstsein sitzen. In jedem Falle lässt sich sagen, dass, da uns im Leben nichts durch Zufall zufällt, wir in unserem Innern nicht frei sind, wenn wir sehen, dass wir im äußeren Leben gehindert sind, das zu verwirklichen, was wir eigentlich wollen.

Innere Freiheit beginnt also damit, herauszufinden, was wir wirklich wollen, was in der Tiefe unseres Herzens wir als unsere Berufung empfinden, und uns dies bewusst zu machen. Selbstkenntnis ist die erste Tür zur inneren Freiheit, es ist die Tür, die aus dem Labyrinth der Fremdbestimmung führt. Denn ohne zu wissen, wer wir sind, lassen wir uns vom Sein oder Nichtsein anderer bestimmen und leiten.

Eine solche Fremdbestimmung, vor allem im spirituellen Bereich, führt zu völliger Entfremdung vom eigenen Besitz an Licht, Reichtum und Fülle. Selbstkenntnis öffnet uns diese Schatzkammer an eigenem Licht und eigener Wahrheit, die jedem von uns als spirituellem Wesen offen steht.

Selbstkenntnis als Prozess der Selbstfindung ist daher eine Art von Schatzsuche nach dem eigenen inneren Tresor, eine innere Kreuzfahrt in die Tiefen des eigenen Herzens, wo das Geheimnis des individuellen Seins ruht, das durch keine Gruppen– oder Massenreligion berührt wird. Wahrheit, die in kollektiven Systemen einen Absolutheitsanspruch erhebt, ist meist kollektivierte individuelle Wahrheit, Wahrheit also, die für einen einzelnen Menschen gilt oder gelten mag, nicht aber für die Millionen anderer.

Selbstkenntnis führt zur Erkenntnis der Relativität von Wahrheit und der Unfähigkeit des Menschen, eine absolute Wahrheit zu erkennen. Diese Begrenzung menschlichen Erkennens ist inhärent in jeder Wahrheit und das Objektive, menschlich erkannt und formuliert, stets auch subjektiv—da subjektbezogen.

Innerer Frieden ist die Frucht nicht nur der Erkenntnis, des Wiederfindens der eigenen Wahrheit, sondern sie erfordert auch Treue und Einsatz, die eigene Wahrheit nach außen hin zu verteidigen und zu schützen.

Wie weit darf man dabei gehen? Ein Realisierter, das heißt ein Individuum, das seine innere Freiheit gefunden hat, wird niemals versuchen, die eigene Wahrheit anderen »aufpfropfen« zu wollen. Jede Art von missionarischem Verhalten entspringt im Gegenteil einer falschen Religiosität, die gerade der Rückbindung, der religio an das eigene Selbst ermangelt. Der Trieb zu missionieren ist vielmehr die Folge einer Projektion von Zweifel, von Unglaube, von spiritueller Unsicherheit. Er ist der spirituelle Balken im eigenen Auge.

Ein Realisierter wird es vorziehen, überhaupt nicht über Wahrheit zu reden, als zu versuchen, andere zu seiner Wahrheit zu bekehren. Ein solcher Mensch weiß ohnehin, dass es unmöglich ist, eine Spiritualität zu übernehmen, die nicht vom eigenen Selbst vorgeschrieben wird. Daher wird er seine Wahrheit schlicht und einfach leben. Denn das ist alles, was sie von ihm verlangt. Die Treue zum eigenen Selbst fordert lediglich, sein Leben der eigenen Wahrheit gemäss auszurichten.

Die Frage, die sich natürlich stellt, ist die, ob es denn nicht auch eine schädliche individuelle Wahrheit geben kann, eine solche nämlich, die andere oder das Gemeinwesen schädigt oder negativ beeinträchtigt? Es ist dies vielleicht sogar die Kernfrage jedes Staatswesens überhaupt und, wenn man sich die Realität der Welt anschaut, so sieht man gleich, in welchem Sinne sie historisch beantwortet wurde.

Es erscheint evident, dass viele Kulturen ein überaus starkes Misstrauen hatten und haben gegenüber der Realisierung der Wahrheit durch Selbstkenntnis und Selbstfindung. Das Resultat: fast überall begegnen wir Massenindoktrination, Massenerziehung, Massenreligion, Massenmanipulation und Massenwahn mit den bekannten fatalen Folgen für den Einzelnen, der die Freiheit sucht, die ihm als menschliches Wesen natürlicherweise zusteht.

Innerer Frieden kann sich erst dann einstellen, wenn die äußere Fusion durch die innere Fusion ersetzt worden ist: wenn also die Fusion mit anderen Menschen ein Ende gefunden hat und der Mensch, durch Fusion mit seinem eigenen Höheren Selbst, zu einem wahren Individuum, zu einem Unteilbaren geworden ist. In diesem Sinne hat das Problem der Fusion unmittelbare Relevanz für eine der wichtigsten spirituellen Fragen überhaupt: die Frage, wie wir inneren Frieden erreichen.

Jede Religion versucht auf ihre Art, ihre Anhänger des inneren Friedens teilhaftig werden zu lassen, die sie in ihrem Credo verspricht. Die Grundidee ist überall die gleiche, die auch hier vorgetragen wird, nur wird sie unterschiedlich formuliert. Im Islam und im Christentum wird innerer Frieden als direkte Folge des Glaubens angesehen.

Dabei ist nicht offensichtlich, dass diese Religionen das Problem der Fusion dabei berücksichtigt haben. Es scheint, als hätten wir da einen völlig neuen Aspekt eingebracht, den die Religionen übersehen haben oder dass wir auf einem psychologischen Niveau argumentieren, das nicht der Denkweise der Religionsväter entspricht. Doch dem ist nur dem Anscheine nach so.

Zum einen wäre es sicher verfehlt zu behaupten, die Religionen hätten die Psychologie des Menschen nicht berücksichtigt. Es ist vielmehr so, dass sich jede Religion eines ganz bestimmten psychologisch motivierten Bildes des Menschen bedient, um das sie ihr Dogma kleidet. Zum anderen definieren der Islam und das Christentum das, was sie die Gottesliebe des wahren Gläubigen nennen, so, dass damit im Grunde der Ausweg aus der Fusion gewiesen wird. Im Islam wird dies dadurch bewirkt, dass die Gottesliebe, die vom gläubigen Moslem erwartet wird, als jeder anderen Form der Liebe, also Liebe zum Ehepartner, Liebe zu den Eltern, Liebe zu den Kindern, etc. überlegen und vorrangig angesehen wird. Das bedeutet, dass für den sein Dogma ernst nehmenden Moslem die Autonomie im Glauben höher zu bewerten ist, als Verpflichtungen oder Neigungen, die aus Familien– oder Ehebanden erwachsen.

Im Christentum ist die Botschaft vielleicht noch klarer, denn überlieferte Äußerungen Christi zu dieser Frage sind unmissverständlich, und sogar solchermaßen revolutionär, dass sie noch heute jedem, der das Evangelium zum ersten Male hört, in den Ohren klingeln.

Und auch Buddha verließ Frau und Kind, um seine spirituelle Suche anzutreten, die in der Erleuchtung und dem achtfachen Pfad endete.

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